Wenn Sprache Verantwortlichkeiten verschleiert

Ein Thema, dass mich schon immer umtreibt, ist strukturelle Gewalt gegen Frauen und Kinder.
Und deswegen begrüße ich, dass das Thema jetzt endlich in den Medien sichtbar wird. Die Besorgnis über eine Rückkehr des Faschismus in Deutschland und die Äußerungen unseres Bundeskanzlers haben zu einem lange überfälligen Aufschrei gesorgt.
Gleichzeitig ist noch so viel zu tun, wie dieses Beispiel von diesem Wochenende zeigt. In Witten wurde ein 13 jähriger von seinem Vater mit einem Messer getötet. Der Vater wollte die ganze Familie umbringen, die Mutter und die Schwester überlebten schwer verletzt.
Prompt war wieder über "Familiendrama" zu lesen. Es wurden Formulierungen verwendet, wie
"Ein Kind wurde durch Messerstiche getötet" - "gewalttätige Auseinandersetzung".
Diese Form der Kommunikation unterstützt strukturelle Gewalt. Es sind relativierende Formulierungen, die Verantwortlichkeiten verschleiern und den Opfern eine Mitschuld geben.
Sie stellen das Kind und die Familie in den Fokus und spielen die Tat herunter.
Ein "Familiendrama" ist, wenn man die Fernbedienung für den Fernseher nicht finden kann. Ein Kind zu erstechen ist Gewalt.
"Getötet werden" ist nichts, was einem Kind "halt eben so passiert".
Ein Kindheitsproblems, sozusagen. Jemand hat es getötet.
Genau wie Femizid kein "Frauenproblem" ist. Jemand hat sie getötet.
Und dieser Jemand sollte im Fokus stehen, denn er ist das Problem.
Wenn wir ernsthaft was gegen Gewalt und Kinder in diesem Land tun wollen, müssen wir anfangen, Verantwortlichkeiten klar zu benennen.
Ein Mann hat versucht, seine Frau und die Kinder umzubringen und ein Kind dabei getötet.
Das ist keine "gewältige Auseinandersetzung". Das Kind hat sich nicht mit dem Vater "auseinandergesetzt". Es war auch nicht bewaffnet. Es ist einfach nur Gewalt.
Fast jede dritte Person, die in Deutschland eines gewaltsamen Todes stirbt, wird durch den eigenen (Ex-)Partner oder einen nahen männlichen Familienangehörigen getötet. Im vergangenen Jahr ca. 200 Personen. Jeden dritten Tag eine Frau und jede Woche ein Kind.
Die zentralen Motive der Täter sind: narzisstische Kränkung, Bestrafung der Mutter, erweiterter Femizid. Dahinter steckt ein Besitzanspruch, der mit Macht und Gewalt durchgesetzt wird. Nur selten sind es Affekttaten.
Und nein: das ist kein "importiertes Problem". Die Mehrheit der Täter sind Deutsche.
Nur: wenn die erste Reaktion ist, nach dem Pass der Täter zu fragen, dann heißt das, dass man nicht über das Problem reden will, sondern es einfach nur auf "die Anderen" abwälzen will.
Die unangenehme Wahrheit ist: diese Gewalt existiert in allen Teilen unserer Gesellschaft und ist ein strukturelles Problem des Patriarchats.
Sprache, die Verantwortung verschleiert und auf andere abschiebt, ist auch in der Familie ein Problem und eine häufige Konfliktquelle.
Zum Beispiel, wenn wir emotionale Ausbrüche den erschrockenen Kindern gegenüber mit ihrem eigenen Fehlverhalten begründen.
"Ich wollte nicht ja schreien, aber ich habe es dir doch jetzt dreimal freundlich gesagt. Wenn du halt nicht hörst!" Solche Sätze geben dem Kind die Schuld am Verhalten der Eltern. Psychologisch gesehen ist das immer schädlich - für den Selbstwert des Kindes und die Beziehung zu den Eltern.
Es liegt an uns als Erwachsenen, für die Stimmung in der Familie in der Familie zu sorgen. Unsere Kinder können das nicht.
